Innovative Antriebstechnologie ermöglicht Zugverkehr ohne Ausbau der Elektrifizierung und könnte in Sachsen das Schienennetz im ländlichen Raum deutlich erweitern

Der Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) präsentierte am 1. Februar 2019 gemeinsam mit dem französischen Bahntechnik-Konzern Alstom sowie den Projektpartnern Europäische Metropolregion Mitteldeutschland und dem ostdeutschen Wasserstoffcluster HYPOS einen innovativen Wasserstoff-Brennstoffzellenzug erstmalig in Ostdeutschland im Live-Betrieb.Der Coradia iLint ist weltweit der erste Personenzug, der mit einer Wasserstoff Brennstoffzelle betrieben wird, welche die elektrische Energie für den Antrieb erzeugt. Unter den Augen der rund 150 geladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft sowie zahlreichen Eisenbahn-Enthusiasten der Region meisterte der Zug seine Premierenfahrt von Leipzig nach Grimma sowie zurück und überzeugte dabei vor allem mit Emissionsfreiheit, Geräuscharmut und seiner hohen Leistungsfähigkeit. Während der Festveranstaltung am Bahnhof in Grimma wurde deutlich, wie Sachsens Schienennetz von der neuen Technologie profitieren kann. Denn der elektrische Ausbau des Streckennetzes kostet viel Zeit und vor allem Geld und findet daher schwerpunktmäßig in den Ballungsräumen statt. Der Wasserstoffzug ist daher eine sinnvolle Alternative für eine schnellere Einbindung von Destinationen auch im ländlichen Raum – sei es für den Übergang bis zur Elektrifizierung oder als Dauerlösung.

„Der Schienenpersonennahverkehr erfreut sich seit Jahren wachsender Beliebtheit. Allein im Gebiet des ZVNL werden täglich 90.000 Fahrgäste befördert – Tendenz steigend. Seit der Eröffnung des City Tunnels in Leipzig erleben wir ein Plus von rund 30 Prozent bei der Anzahl an Fahrgästen“, erklärt Kai Emanuel, Landrat in Nordsachsen und zugleich Verbandsvorsitzender des ZVNL. Aus diesem Grund sei es wichtig, frühzeitig die richtigen Rahmenbedingungen in der Region für die Mobilität der Zukunft zu schaffen. Gerade mit Hinblick auf die steigenden Miet- und Kaufpreise für Immobilien in den Metropolen und dem damit verbundenen Zuzug der Menschen in die Speckgürtel der Ballungsräume ist ein kontinuierlicher Ausbau des Schienennetzes unerlässlich. Emanuel: „Um dies weiter voranzutreiben, haben wir uns als erster Zweckverband in Ostdeutschland intensiv mit dem Thema Wasserstoffzug beschäftigt. Diese Technologie kann es uns ermöglichen, dass Mitteldeutsche S-Bahn-Netz ohne hohe Elektrifizierungskosten bedarfsgerecht zu erweitern. Zudem dürfen Wasserstoffzüge im Gegensatz zu dieselbetriebenen Schienenfahrzeugen grundsätzlich Tunnel passieren – eine klassische Win-Win-Situation. So können wir als ZVNL unser Nahverkehrsangebot in enger Abstimmung mit dem Busverkehr vor Ort sowie den zuständigen kommunalen Stellen weiter entwickeln. Damit sich noch mehr Menschen für den umweltfreundlichen öffentlichen Nahverkehr entscheiden. Die Wasserstofftechnologie kann dafür ein wichtiger Baustein sein. Wir haben ab heute eine belastbare Grundlage für weitere Gespräche“, so Emanuel.

Dies sieht auch Henry Graichen so. Der Landrat des Landkreises Leipzig befürwortet vor allem einen Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs im ländlichen Raum. „Mit der Wasserstofftechnologie können wir zusätzliche Regionen an das S-Bahn-Netz anschließen, was bisher an der fehlenden Elektrifizierung von Schienenstrecken gescheitert ist. Gerade im Zusammenspiel mit dem jüngst gestarteten Modellprojekt „Muldental in Fahrt“, welches das lokale Busnetz deutlich erweitert, kann die Erreichbarkeit und damit die Lebensqualität aller Bürgerinnen und Bürger außerhalb der urbanen Zentren verbessert werden“, so Graichen. Im Landkreis Leipzig wurde dafür ein Raum im Korridor der Städte Bad Lausick, Brandis, Colditz und Grimma ausgewählt, in dem etwa 100.000 Menschen leben. Graichen: „Mit der Wasserstofftechnologie gehen wir einen wichtigen Schritt in Richtung Verbesserung des ÖPNV-Angebotes im ländlichen Raum.“

„Die Wasserstoff-Technologie bietet vielfältige Potenziale für die erfolgreiche Gestaltung der Energiewende und des Strukturwandels in der Region. Aufbauend auf der exzellenten Forschungsinfrastruktur zum Thema Wasserstoff gilt es nun, wirtschaftliche Anwendungen in den Bereichen Energieversorgung, Industrie und Mobilität zu entwickeln“, betont Jörn-Heinrich Tobaben, Geschäftsführer der Metropolregion Mitteldeutschland. In der gemeinsam mit dem ZVNL durchgeführten Machbarkeitsstudie sei der grundsätzliche Nachweis für den erfolgreichen Einsatz von Wasserstoff-Zügen im mitteldeutschen Schienenverkehr erbracht worden. “Wenn es uns gelingt, diese Zukunftstechnologie als erste in Ostdeutschland auf die Schiene zu bekommen, wäre dies ein wichtiger Baustein für eine Wasserstoff-Modellregion mit bundesweiter Ausstrahlung“, so Jörn-Heinrich Tobaben weiter.

Dem stimmt auch Kay Okon zu. Das Vorstandsmitglied im ostdeutschen Wasserstoffcluster HYPOS lobt die zahlreichen wissenschaftlichen Vorarbeiten seiner Mitgliedsunternehmen bei diesem Thema und sieht die Zeit für eine konsequente Umsetzung in der Praxis gekommen. „Seit unserer Gründung im Jahr 2013 konnten wir zahlreiche Forschungsprojekt zur Elektrolyse und auch zur Verträglichkeit von Wasserstoff auf andere Materialien realisieren. Der Einsatz des Wasserstoffzuges wäre ein neuer konkreter Anwendungsfall im Osten der Republik, den wir sehr begrüßen würden. Wir als HYPOS fördern auf Wasserstoff basierende Infrastrukturen in Mitteldeutschland, insbesondere Strukturen zur Erzeugung, Speicherung und Transport von Grünem Wasserstoff. Jeder Abnehmer dieses umweltfreundlichen Antriebsstoffs ist ein willkommener Teilnehmer im neuen Geschäftsfeld.“

Der Ausbau des Geschäftsfeldes ist selbstverständlich ganz im Interesse des französischen Bahntechnik-Konzerns Alstom. Mit dem Coradia iLint verfügt Alstom über einsatzbereite Wasserstoffzüge, die als emissionsfreie Alternative auf nicht elektrifizierten Strecken fahren können. „Damit eröffnen wir ein neues Zeitalter des Zugantriebs. Der Coradia iLint von Alstom ist geräuscharm und gibt lediglich Wasserdampf sowie Kondenswasser ab. Seine Praxistauglichkeit im Alltag hat er dabei längst bewiesen“, so Dr. Jörg Nikutta, Geschäftsführer für Alstom in Deutschland und Österreich.

 

Fotos: Frank Schütze